Wahre Handwerkskunst ist das Rezept die Krise zu meistern

Wie übersteht man die Krise? Wer sollte es besser wissen als Giorgio Salimbeni? Salimbeni ist ein Markenname für Luxusaccessoires und hochwertige, emaillierte Silberwaren. Giorgio Salimbeni kann auf sechs Jahrzehnte an Erfahrung zurückblicken, in denen er sein Familienunternehmen erfolgreich durch die digitale Revolution und tiefe Krisen – wie die aktuelle – geführt hat. Emaille Art hat mit Giorgio Salimbeni über vergangene und zukünftige Herausforderungen der Digitalisierung gesprochen und wie er Krisen und ein sich rasant entwickelndes Umfeld gemeistert hat. Er sieht den Kern seines Erfolges in wahrer Handwerkskunst.

Wie hat die Digitalisierung der Produktion die Arbeitsweise Ihrer Firm über die vergangenen 60 Jahre beeinflusst?

Die digitale Revolution hat in der Tat grundlegend Produktionsprozesse in allen Sektoren verändert, einschließlich im Kunsthandwerk. Die Veränderungen machen sich mehr im Bereich der Goldobjekte und beim Schmuck als bei den Silberwaren bemerkbar, vor allem weil dort mit anderen Volumina gearbeitet wird. Moderne 3D Drucker produzieren Objekte aus schmelzbarem Wachs, die lediglich auf einer drei-dimensionalen technischen Zeichnung basieren, und damit vollständig die Produktionstechnik revolutioniert haben: ein Ring, ein Teil eines Armbandes oder eine Halskette kann man ohne weiteres zeichnen und „drucken“. Auch für Silberware verwenden wir 3D Drucker für kleinere Teile. Allmählich wird die Anwendung auch für größere Arbeiten in Betracht gezogen.

Andererseits sind einige handwerkliche, künstlerische Arbeitsschritte nicht ohne weiteres maschinell zu ersetzen – so zum Beispiel das Emaillieren – weil es wahrscheinlich zu komplex ist, eine Maschine das Kristallpulver auf das Objekt auftragen zu lassen, anstatt dies manuell zu tun. Das gilt wohl insbesondere, wenn man mit kleinen Stückzahlen arbeitet.

Wir erleben nur den Beginn der digitalen Transformation des Kunsthandwerksektors. Es bestehen bereits Maschinen, die nur vor ein paar Jahren auf den Markt kamen und in der Lage sind drei-dimensionale Hologramme zu generieren, bei denen Metallpulver aufgetragen und durch Laser verschmolzen wird. Derzeit sind die Kosten für diese Geräte noch sehr hoch, aber sie werden wohl in der Zukunft erschwinglicher werden. Moderne Silberschmiede – und noch mehr Goldschmiede – müssen sich entsprechend einrichten. Heutige Kunsthandwerker müssen stärker im digitalen Bereich qualifiziert sein als die hochgradig spezialisierten Handwerker bisher.  Die Handwerkskunst wird wohl darunter leiden und sich beträchtlich ändern müssen, um zu überleben. In der Tat besteht das Risiko, das eine zu starke Nutzung digitaler Ausstattung dazu führt, dass die Produktion auf Kosten der Handwerkskunst „industrialisiert“ wird.

Hat sich das Angebot an Kunsthandwerkern geändert, mit denen Sie zusammenarbeiten – zum Beispiel bei den Miniaturmalern? Ist es schwierig heutzutage qualifizierte Künstler zu finden?

Alle Kunsthandwerker arbeiten manuell: das gilt für Emaillierer, Miniaturmaler, Gravierer, Edelsteinsetzer – das hat sich nicht geändert, weil sich ihre Arbeit nicht geändert hat. Es bleibt notwendigerweise manuell, auch wenn es möglicherweise leichter mit modernenn Maschinen hergestellt werden kann. Bei Gravuren kann man mit modernen Pantografen arbeiten, aber man sieht den Unterschied, weil der Stößel das Metall “schneidet”, ebenso wie beim Guilloche, während der Pantograf rotierende Schnitte setzt und die Gravur nicht dieselbe Brillanz eines einfachen Schnitts haben.

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Das Problem heute ist, dass die Kette unterbrochen ist, über die Jahrhunderte die verschiedenen Künste und ihre Produktionsverfahren vom Meister zum Schüler weitergereicht wurden. Es überleben nur ältere Kunsthandwerker und sehr wenige jüngere Leute übernehmen ihren Platz, trotz des Mangels an Arbeitsplätzen.

Wie wichtig ist das Internet für Ihre Arbeit? Sie sind in den sozialen Medien aktiv – wie hilfreich ist dieses Marketing für Salimbeni im Verhältnis zur „Mund-zu-Mund“ Empfehlung durch Ihre Kunden?

In den ersten Jahren diese Jahrtausends hatte ich persönlich bereits den sich stattfindenden Wandel verstanden und einigen Produzenten von Kunstobjekten, die auch Freunde waren, vorgeschlagen ein Konsortium zu gründen und unter dem Namen „Luxus aus Italien“ (oder auch einem anderen Namen) ein Internetportal aufzumachen um diese Luxusartikel zu verkaufen.

Obwohl sie jünger waren als ich haben sie den Wandel, der sich abzeichnete, nicht verstanden und auch keinen Vorteil daraus gezogen. Nach einigen Treffen kam es zu keinem Ergebnis und wir haben die Gelegenheit verpasst, diese Initiative zu einem Zeitpunkt zu starten, zu dem sie uns einen Vorteil verschafft hätte. Einige dieser Firmen haben einige Jahre später geschlossen.

Indem wir unsere Produkte direkt Privatkunden anbieten, hätten wir Einzelhändler als unsere regulären Kunden umgangen. Um sie nicht zu schädigen, könnten wir und sollten wir unseren Verkaufspreis erhöhen und so eine signifikante Profitmarge erwirtschaften, die wir wieder in das Portal reinvestieren.

Vielleicht besteht heute noch die Möglichkeit etwas Ähnliches aufzubauen, aber das Umfeld hat sich sehr verändert und damals war wirklich die geeignete Zeit. Es ist auch möglich wertvolle Artikel über riesige Online-Plattformen wie Amazon, E-Bay oder einige andere zu vertreiben, aber es ist schwierig sich in diesem großen „Ozean“ hervorzuheben.

Hat die Digitalisierung die Marktstruktur verändert?

All dies hat eine radikale Veränderung im Handel hervorgerufen, weil Elektronik generell der Herstellung hoher Stückzahlen Vorschub leistet.

Eine sehr komplexe 3D Graphik wird selten zur Herstellung eines Einzelstücks angefertigt. Es ist vielmehr für die Produktion von großen Serien geeignet, die sich nur erfolgreich auf den Markt bringen lassen, wenn sie von einer bekannten Größe, wie einem Markennamen, gestützt werden.

Aus diesem Grund sind etliche der “Klauen” entstanden, die Artikel von kleinen Firmen oder auch zahlreichen kleinen Kunsthandwerkern vertreiben und den Preis über einen realen Wert hinaustreiben, indem sie sich „Gucci, Cartier, Bulgari und so weiter“ nennen und so die notwendige Nachfrage erzielen.

Offenkundig sind die höheren Kosten für diese Artikel durch die Werbungskosten bedingt. Deshalb dürfen sie beim tatsächlichen Produzenten nicht zu teuer sein und am Ende werden sie in einer übertriebenen Weise überbewertet.

Aus diesem Grund findet der Vertrieb nur durch markeneigene Geschäfte oder online statt – zum Nachteil von allen anderen Einzelhändlern die über Jahrhunderte hinweg den realen Wert ihrer Waren garantiert haben. Der einzelne Juwelier hat Edelsteine an seine eigenen Privatkunden verkauft, und dabei die Qualität und den Wert des Gutes garantiert. Somit bestand ein Vertrauensverhältnis zum Kaufmann selbst. Das gibt es heute nicht mehr, weil sich das Vertrauen ausschließlich auf den Markennamen stützt – und dabei wird der reale Wert des Objekts vernachlässigt.

Inwieweit haben Sie sich den unterschiedlichen Moden über die vergangenen Jahrzehnte angepasst?

In Bezug auf die Modestile der vergangenen Jahrzehnte kann man sagen: Sie haben in unserem Sektor keine schockierenden Veränderungen bewirkt. Schmuck und noch mehr Heim-Deko Artikel folgen den letzten Trends, aber wir sind immer in der klassischen Tradition verhaftet geblieben und Veränderungen haben sich langsam vollzogen. Wenn man ein teures Schmuckstück verkauft, muss es über einen längeren Zeitraum hinweg aktuell bleiben. Es kann nicht nur eine einzelne Saison oder etwas länger halten, wie ein Kleid oder Paar Schuhe.

Selbst unsere Versuche unseren Kunden etwas Moderneres anzubieten haben wendig Anklang gefunden. In den 1970ern haben wir versucht Artikel mit einem neuen, makellosen Design anzubieten, das die stilistische Arbeit eines befreundeten Architekten aufgreift (mit und ohne Emaille; siehe die Fotos der „Up Line“ Kollektion auf Instagram)

Auch wenn aus meiner Sicht viele von ihnen wirklich gut waren, hatten sie nie den angemessenen kommerziellen Erfolg und nur wenige sind über längere Zeit in unserer Kollektion geblieben.

Wenn wir neue Artikel in den klassischen Stilen der Vergangenheit reproduziert haben, haben wir immer versucht sie zu verändern und Aktuelles und etwas Originelles einzubringen. Wir mussten uns immer nach den Wünschen unserer Kunden rund um die Welt richten, und haben dies oft mit beachtlichem Erfolg getan. Beispielsweise als wir angefangen haben an Schmuckausstellungen in New York teilzunehmen (erstmals 1975), haben wir neue Kunden – sogar sehr renommierte – mit einem Fable für art deco gefunden. Viele Gebäude New Yorks sind in den frühen Jahrzehnten des 20sten Jahrhunderts im art deco Stil gebaut worden. Wir haben sofort eine Kollektion mit art deco Artikeln aufgelegt, die einen beachtlichen Erfolg hatte. Sie selbst schätzen Artikel in diesem Stil.

Als wir angefangen haben für Klienten mit arabischem Hintergrund oder aus dem Mittleren Osten zu arbeiten, haben wir Artikel produziert, die ihren Geschmack treffen.

Für unsere russischen Kunden nach dem Fall der Berliner Mauer haben wir den alten Imperialstil entstaubt, an den sie sich mnemonisch gehalten haben. Wir haben uns von Artikeln von Odiot – einem anderen unserer großen Kunden – aus der Napoleonischen Zeit in Frankreich inspirieren lassen.

Wir haben immer versucht zu verstehen, was unsere Kunden aus allen Teilen der Welt benötigen, um ihnen ihren Wünschen entsprechende Vorschläge zu machen. Aber wir waren selten in der Position ihnen einen modernen Stil vorzusetzen, der nicht eine Neuinterpretation des klassischen Stils war.

Da wir aktuell eine große Krisen erleben, welche Erwartungen haben Sie für den Markt für hochwertige, kunsthandwerkliche Produkte in den kommenden Jahren?

Welche Narben die Corona-Krise hinterlässt, werden wir erst sehen. Wir können allenfalls versuchen einige Hypothesen aufzustellen. Wir alle leiden derzeit wirtschaftlich darunter. Aber die Krise hilft sicherlich dem Internethandel. Und wenn es vorbei ist, werden die bekanntesten Marken einen Vorteil genießen, weil sie der breiten Öffentlichkeit ihren Namen als „Garantie“ anbieten und dafür eine großzügige Rendite zum Schaden des wahren Wertes verlangen. Den großen Schaden tragen die Einzelhändler, die für eine lange Zeit geschlossen bleiben und unsicher sind, wann sie zur Normalität zurückkehren können.

Sie haben frühere Krisen gemeistert. Was war das Rezept Ihres Erfolges?

Unser Erfolg war sicherlich darin begründet, dass wir immer Luxusartikel hergestellt haben – teuer, aber bei unseren Kunden nachgefragt. Unsere Produktion war immer darauf ausgerichtet kleine Serien zu produzieren, wenn auch nicht wahre Einzelstücke. Dadurch fallen unsere Arbeiten immer in den Bereich der wahren Handwerkskunst, die damit unter einer zeitweise nur minimalen Konkurrenz stand. Daher haben wir immer Kunden auf der Welt gefunden, die gewillt waren unsere Produkte zu kaufen – auch in Krisenzeiten – auch weil wir gewillt waren, ihren Wünschen entgegenzukommen und sie somit zufrieden zu stellen.

Wären Sie bereit uns zu sagen auf welches Kunstwerk Sie besonders stolz sind?

Es gibt viele Kunstwerke auf die wir im Laufe der Jahrzehnte unserer Tätigkeit stolz sind. Die meisten zeigen wir mit Stolz auf unseren Accounts bei Sozialen Netzwerken: Facebook und Instagram. Wir sind besonders stolz auf ihre Größe, auf unsere wunderschönen handgemalten Miniaturen oder unsere besonders feinen Gravuren. Es gibt auch eine ganze Reihe von Kunstgegenständen die wir für spezielle Kunden hergestellt haben auf denen handgemalte Miniaturportraits aus Emaille von lebenden Persönlichkeiten zu sehen sind. Wir zeigen sie nicht, um die Privatsphäre unserer Kunden zu schützen. Trotzdem sind wir ebenso stolz auf sie.

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Emaille Art bedankt sich bei Cosimo Pacciani für die Durchführung des Interviews.

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